Die Ära der radikalen Touch-Bedienung neigt sich dem Ende zu: Mercedes vollzieht bei der Gestaltung seiner Cockpits eine spektakuläre Kehrtwende. Konzernchef Ola Källenius räumt offen ein, dass man bei der Digitalisierung zu weit gegangen sei und die Bedürfnisse der Kunden aus dem Blick verloren habe. Die Folge: Echte Knöpfe und physische Schalter feiern in kommenden Modellen ihr Comeback, während die oft frustrierenden Wischflächen am Lenkrad weichen müssen.
Ein ehrliches Eingeständnis: „Am Tiefpunkt bei Knöpfen“
In einem vielbeachteten Interview fand Konzernchef Ola Källenius ungewohnt deutliche Worte für die Touch-Mania der jüngeren Vergangenheit. Er gestand ein, dass man zu forsch agiert habe:
„Manchmal ist man wohl etwas zu forsch gewesen, hat Technologie um der Technologie willen entwickelt und dabei den Kunden ein wenig vergessen.“
Zwar verbringe das Entwicklungsteam unzählige Stunden mit den Benutzeroberflächen – scherzhaft werde intern sogar gefordert, das System müsse so einfach sein, „dass es entweder ein fünfjähriges Kind oder ein Mercedes-Vorstandsmitglied bedienen kann“. In der Realität jedoch verloren sich die Ingenieure im Detail. Auf die Frage, ob wir mittlerweile das Maximum an Displays im Auto erreicht hätten, antwortete Källenius pragmatisch: Er wisse nicht, ob man beim „Peak Screen“ angekommen sei, aber man befinde sich definitiv am absoluten Tiefpunkt, was echte Knöpfe angeht.
Schluss mit Schiebe-Frust: Wo die Tasten zuerst zurückkehren
Der Schwenk zurück zur Haptik hat ganz konkrete Auswirkungen für zukünftige Käufer. Ganz oben auf der Streichliste stehen die berührungsempfindlichen Touch-Flächen am Lenkrad. Die oft rutschigen Slider, bei denen man die Lautstärke oder den Tempomaten per Wischgeste regulieren musste, sorgten bei Fahrern regelmäßig für Frust und gefährliche Ablenkung.
Künftig setzt Mercedes wieder auf mechanische Präzision:
- Echte Walzen und Tasten: Am Lenkrad ziehen wieder physische Drehräder und spürbare Knöpfe ein, die sich blind ertasten lassen.
- Erste Profiteure: Die kommenden Generationen von Bestsellern wie der C-Klasse und dem SUV GLC sowie das neue CLA Coupé werden die Vorreiter der neuen Bedienphilosophie sein.
- Koexistenz statt Kahlschlag: Der spektakuläre MBUX-Hyperscreen, der in Modellen wie dem EQS eine stolze Breite von bis zu 56 Zoll (141 Zentimetern) erreicht, bleibt als prestigeträchtiges Luxus-Feature erhalten. Allerdings wird er künftig mit einer Reihe von festen, physischen Tasten für Kernfunktionen kombiniert.
Vertriebschef Mathias Geisen bekräftigt diesen Kurs gegenüber Autocar:
„In unseren künftigen Produkten wird es wieder mehr physische Tasten für bestimmte Funktionen geben, auf die Kunden direkt zugreifen können.“
Druck von Kunden und Sicherheitsprüfern
Dass Mercedes diesen Rückzug antritt, ist kein reiner Akt der Nächstenliebe, sondern eine Reaktion auf doppelten Gegenwind. Einerseits strafen Käufer die „Touchscreen-Wüsten“ ab. Laut internen Marktforschungen sind Autofahrer von verschachtelten Untermenüs genervt, in denen selbst alltägliche Einstellungen wie die Klimaanlage gesucht werden müssen.
Andererseits greifen die Sicherheitsbehörden ein. Die europäische Prüforganisation Euro NCAP verschärft ihre Richtlinien drastisch: Die begehrte Höchstwertung von fünf Sternen im Crashtest gibt es künftig nur noch dann, wenn essenzielle Funktionen – darunter Scheibenwischer, Warnblinker, Blinker, Hupe und der SOS-Notruf – über dedizierte, physische Schalter bedienbar sind. Auch der ADAC kritisiert seit Jahren die massive Ablenkungsgefahr durch rein digitale Cockpits.
Der breite Trend: Die gesamte Branche rüstet zurück
Mit dem Schwenk zurück zum analogen Tastgefühl steht Mercedes keineswegs alleine da. Die Stuttgarter folgen dem Vorbild anderer Branchengrößen, die ebenfalls hart auf dem Boden der Tatsachen gelandet sind. So räumte VW-Markenchef Thomas Schäfer bereits ein, dass Volkswagen mit dem radikalen Touch-Concept im Golf 8 und der ID.-Familie „seinen Kern aus den Augen verloren“ hatte. Auch dort feierten echte Knöpfe bereits eine umjubelte Rückkehr.
Ähnliche Schritte gehen derzeit Audi, Hyundai und sogar Ferrari. Die Ära der völlig glatten, klinisch reinen Cockpits neigt sich dem Ende zu – und weicht einer neuen Vernunft, die Sicherheit, Haptik und digitale Faszination wieder sinnvoll miteinander verbindet.