Mit dem neuen Modell hat Mercedes technisch keinen Stein auf dem anderen gelassen. Wo der alte EQB 250+ noch mit einer behäbigen Ladeleistung von maximal 100 kW und 190 PS über die Straßen rollte, trumpft der neue GLB 250+ auf der „electric first“-ausgerichteten MMA-Plattform (Mercedes Modular Architecture) mächtig auf:

  • Leistung: Der hocheffiziente Heckmotor leistet stramme 200 kW (272 PS) und beschleunigt den auf 4,73 Meter gewachsenen SUV in 7,4 Sekunden auf Landstraßentempo.
  • Batterie und Reichweite: Ein 85 kWh großer Akku (netto) ermöglicht eine WLTP-Reichweite von bis zu 631 Kilometern.
  • Lade-Performance: Dank der modernen 800-Volt-Architektur sind an einer entsprechenden HPC-Säule bis zu 320 kW Ladeleistung möglich. Der Ladehub von 10 auf 80 Prozent gelingt in gerade einmal 22 Minuten.

Hinzu kommt die bekannte Variabilität: Für einen Aufpreis von 1.309 Euro lässt sich der GLB zum Siebensitzer aufrüsten – ein echtes Alleinstellungsmerkmal im Segment der Kompakt-SUVs. Neben dem großzügigen Raumangebot punktet der Stromer zudem mit einem satten 127-Liter-Frunk unter der Fronthaube und einer Anhängelast von bis zu zwei Tonnen. Doch all diese Verbesserungen haben ihren Preis: In Deutschland startet der Mercedes GLB 250+ bei selbstbewussten 59.048 Euro.

Der China-Frust: Die Krise der etablierten Premium-Marken

In China, dem für die Stuttgarter so wichtigen Markt, ist die Stimmung derzeit ohnehin angespannt. Mercedes musste dort zuletzt im zweiten Quartal 2026 einen herben Absatzeinbruch von rund 30 Prozent hinnehmen. Hinzu kommt ein angekratztes Image bei kleineren E-Autos: Erst Anfang des Jahres musste das Joint Venture Beijing Benz fast 20.000 lokal produzierte Einheiten der Vorgänger EQA und EQB wegen potenzieller Batterieprobleme zurückrufen.

Noch schwerer wiegt jedoch ein aktuelles Debakel, das die neue Plattform betrifft: Die speziell für China entwickelte Langversion des elektrischen CLA (CLA L), die als Pionier der MMA-Plattform antrat, floppte im ersten Halbjahr 2026 spektakulär. Gerade einmal 627 Fahrzeuge wurden in sechs Monaten neu zugelassen – im Juni stand die Zulassungsstatistik sogar bei null. Dies führte laut Branchenberichten zu einem vorübergehenden Produktionsstopp im chinesischen Werk. Für Chinas Fachmedien steht fest: Die neue Mercedes-Architektur tut sich im Reich der Mitte extrem schwer.

Das Bruderduell: Der Smart #5 degradiert den Mercedes

Besonders im Fokus der chinesischen Journalisten steht ein hausinterner Vergleich, der für Mercedes extrem unangenehm ist: das Duell mit dem Smart #5. Der Smart wird über ein Joint Venture von Mercedes-Benz und Geely in China produziert, basiert auf der hochentwickelten SEA-Plattform von Geely und wildert im exakt selben Revier wie der GLB.

Ein genauer Blick auf die Daten offenbart, dass der Smart den noblen Bruder in fast allen messbaren Disziplinen alt aussehen lässt:

  • Antrieb und Sprint: Während der GLB 250+ mit 272 PS auskommen muss, leistet der Smart #5 Premium sportliche 363 PS.
  • Ladeleistung: Der Smart lädt an geeigneten Säulen mit bis zu 400 kW nochmals deutlich schneller als der GLB mit seinen ebenfalls starken 320 kW.
  • Batteriegröße: Der Smart bietet mit 94 kWh netto den größeren Energiespeicher.

Zwar kontert der GLB mit der optionalen dritten Sitzreihe und einer höheren Anhängelast, doch für die technikaffine chinesische Kundschaft sind diese praktischen Tugenden oft zweitrangig. Das Urteil der chinesischen Tester fällt daher oft rigoros aus:

„Warum sollten Käufer in China tief in die Tasche greifen, um einen Mercedes GLB zu bezahlen, wenn sie beim Smart #5 oder bei den extrem starken lokalen Platzhirschen wie BYD, Nio und XPeng für deutlich weniger Geld mehr Leistung, schnelleres Laden und eine überlegene digitale Ausstattung bekommen?“

Software und Infotainment: Die Achillesferse der Europäer

Ein weiterer wunder Punkt ist die Software. Zwar stattet Mercedes den GLB mit dem neuesten Betriebssystem MB.OS und dem optionalen MBUX Superscreen aus, doch im Vergleich zu den Infotainment-Landschaften von Huawei oder Nio wirken die europäischen Systeme auf chinesische Kunden oft zu steif und bieten weniger lokale App-Integrationen. Auch bei den autonomen Fahrfunktionen gelten die chinesischen Hersteller im dichten Stadtverkehr von Shanghai oder Peking als deutlich fortschrittlicher.

Dass Mercedes laut Medienberichten bereits intern plant, ab etwa 2030 für seine zukünftigen kompakten E-Modelle auf Geelys GEEA-Plattform (Projekt „Phoenix“) umzusatteln, um Kosten zu sparen, wird im Reich der Mitte als stilles Eingeständnis gewertet: Die eigene MMA-Plattform ist im gnadenlosen Preiskampf Chinas langfristig wohl schlicht zu teuer in der Produktion.

Fazit: Ein hervorragender Allrounder mit geografischen Grenzen

Der neue Mercedes GLB 250+ ist ohne Zweifel ein exzellentes, durchdachtes Elektroauto geworden, das die eklatanten Lade- und Effizienzschwächen seines Vorgängers EQB eindrucksvoll abstreift. In Europa wird er mit seiner Kombination aus 800-Volt-Technik, hoher Effizienz, echter Anhängelast und der optionalen dritten Sitzreihe viele Familien und Langstreckenfahrer überzeugen.

Für den chinesischen Markt kommt diese Aufholjagd jedoch wahrscheinlich zu spät. Gegen die technologische Übermacht der heimischen E-Auto-Riesen und den deutlich günstigeren sowie stärkeren „Konzern-Bruder“ Smart #5 dürfte es der edle Stuttgarter extrem schwer haben, nennenswerte Marktanteile zu erobern.