Das elektrische Flaggschiff der Stuttgarter, der Mercedes-Benz EQS, hatte es seit seinem Debüt im Jahr 2021 nicht leicht. Trotz herausragender Aerodynamik und modernster Technologie blieb der erhoffte Markterfolg aus – vor allem im so wichtigen Absatzmarkt China. Um die Verkäufe anzukurbeln, musste der Hersteller im Reich der Mitte bereits mit drastischen Preisnachlässen von umgerechnet rund 30.000 Euro gegensteuern. Die Absatzflaute im Luxussegment hinterlässt Spuren: Entgegen ursprünglicher Pläne, die Produktion in der Factory 56 in Sindelfingen im Sommer wieder auf einen Zweischichtbetrieb hochzufahren, hält Mercedes dort vorerst an einer einzigen Schicht für die S-Klasse und den EQS fest. Mit dem umfangreichen Facelift, das seit Kurzem in den Showrooms steht, will Konzernchef Ola Källenius nun die Kehrtwende erzwingen. Doch ob der Spagat zwischen traditionellem S-Klasse-Prestige und modernster E-Technik gelingt, wird in Fernost stark bezweifelt.

Die 2026er-Kurskorrektur: Was das Facelift bringt

Mercedes hat für dieses Facelift – intern als weitreichende Modellpflege (Mopf) bezeichnet – ungewöhnlich viel Geld in die Hand genommen. Technisch bleibt im Grunde kaum ein Stein auf dem anderen. Das Stuttgarter Flaggschiff wechselt von einer 400-Volt- auf eine moderne 800-Volt-Architektur (EVA2M).

Die wichtigsten technischen Neuerungen im Überblick:

  • Ultraschnelles Laden: Die maximale Ladeleistung steigt auf bis zu 350 kW (330 kW beim Basismodell EQS 400). Ein Ladevorgang von 10 auf 80 Prozent dauert damit an einer DC-Schnellladesäule nur noch rund 25 bis 27 Minuten. In nur 10 Minuten lässt sich Strom für bis zu 320 Kilometer nachladen.
  • Enorme Reichweite: Dank einer auf 122 kWh (netto) vergrößerten Batterie und hocheffizienten, selbst entwickelten eATS-2.0-Motoren samt Zweigang-Getriebe an der Hinterachse schafft der EQS 450+ nun eine offizielle WLTP-Reichweite von bis zu 926 Kilometern. Das Einstiegsmodell EQS 400 kommt mit einer 112-kWh-Batterie immerhin noch auf stolze 817 Kilometer.
  • Steer-by-Wire: Als erster deutscher Hersteller bringt Mercedes eine komplett digitale Lenkung ohne mechanische Lenksäule in Serie, die das Handling spürbar komfortabler machen soll und ab Herbst 2026 bestellbar ist.
  • Preissenkung: Um die Attraktivität zu steigern, hat Mercedes zudem die Einstiegshürde gesenkt. Das neue Basismodell EQS 400 startet in Deutschland bei 94.403 Euro und bleibt damit unter der steuerlich wichtigen 100.000-Euro-Grenze für Dienstwagen.

Optisch bricht Mercedes mit dem bisherigen Purismus: An der Front weicht das glatte, schwarze Panel einem klassischen Kühlergrill-Design mit verchromten Querstreben. Und als emotionales Highlight thront nun wieder der traditionelle, aufrecht stehende Mercedes-Stern auf der Motorhaube.

Das Urteil der chinesischen Fachmedien: Lob für die Technik, Skepsis beim Design

In den großen chinesischen Automobil-Portalen wird die technische Generalüberholung des EQS aufmerksam analysiert. Die Journalisten vor Ort loben einhellig, dass Mercedes die Hausaufgaben bei den Leistungsdaten gemacht hat. Die Umstellung auf 800 Volt und die damit verbundenen extrem kurzen Ladezeiten seien im tech-affinen China überlebenswichtig.

Auch die Integration des neuen Betriebssystems MB.OS, das auf einem KI-gestützten Supercomputer basiert, wird positiv hervorgehoben. Dennoch bleibt die Skepsis in den chinesischen Redaktionen groß. Der Grund dafür ist vor allem das Design des Fahrzeugs.

"Das aufrecht stehende Sternchen auf einer aerodynamischen 'One-Bow'-Silhouette wirkt wie ein erzwungener Kompromiss. Es fehlt schlicht die stolze, klassische Stufenheck-Eleganz einer echten S-Klasse, die von Chinas Elite so geschätzt wird."

Kritiker in den chinesischen Medien bemängeln, dass der optische Retro-Trimm mit Chromgrill und Haubenstern nicht optimal zur futuristischen, rundgelutschten Cab-Forward-Form des EQS passe. Für die statusbewusste Kundschaft in Peking oder Shanghai, die im Fond chauffiert werden möchte, fehle dem EQS nach wie vor die optische Präsenz und das monumentale Überholprestige einer klassischen Verbrenner-S-Klasse.

Der übermächtige Gegenwind der lokalen Konkurrenz

Ein weiteres Problem für den EQS ist das rasante Tempo der chinesischen Konkurrenz. Im Luxussegment wildern längst etablierte einheimische Marken und bringen spektakuläre Flaggschiffe an den Start. Am deutlichsten zeigt dies der brandneue BYD Da Han (auch bekannt als Great Han), dessen Vorverkauf erst im August 2026 auf der Chengdu Motor Show offiziell gestartet ist.

Der BYD Da Han verspricht mit seiner neuen Blade-Batterie und einer 1000-Volt-Architektur eine CLTC-Reichweite von über 1.008 Kilometern in der heckgetriebenen Variante. Hinzu kommen fortschrittlichste LiDAR-Sensorik für autonomes Fahren, Hinterachslenkung und ein extrem schnelles Ladesystem, das den Akku in nur neun Minuten von 10 auf 97 Prozent füllen soll. Das Ganze gibt es zu einem Einstiegspreis von 249.900 Yuan – was umgerechnet rund 31.500 Euro entspricht.

Zwar bedient der EQS eine deutlich gehobene Preisklasse, doch junge, wohlhabende Chinesen greifen bei Elektroautos bevorzugt zu einheimischen Marken, weil deren Software-Ökosysteme nahtlos in den chinesischen Alltag integriert sind. Ein deutsches Infotainmentsystem, und sei es noch so hochentwickelt, hat es gegen die perfekt angepassten Sprachassistenten und Apps der chinesischen Tech-Giganten extrem schwer.

Fazit: Ein technisches Meisterwerk im Akzeptanz-Dilemma

Das Facelift des Mercedes EQS zeigt eindrucksvoll, wie schnell die Stuttgarter auf die Kritik reagieren können. Technisch ist der EQS mit bis zu 926 Kilometern Reichweite, der neuen 800-Volt-Architektur und der innovativen Steer-by-Wire-Lenkung wieder an der absoluten Weltspitze angekommen.

Ob das reicht, um das Image des „verhinderten Luxusliners“ in China abzuschütteln, bleibt jedoch fraglich. Die chinesische Fachpresse zollt den Ingenieuren zwar Respekt für den technischen Kraftakt, zweifelt aber, ob die optische Gratwanderung die anspruchsvollen Käufer im Reich der Mitte zurückholen kann. Für Mercedes bleibt der EQS damit ein hochspannendes, aber riskantes Experiment auf dem Weg in die elektrische Zukunft.