Der Schwenk kommt überraschend, aber konsequent: Unter der neuen Strategie „Focus 2030“ passt Lotus seine ehrgeizigen Elektrifizierungspläne an die veränderte Marktlage an. Statt wie ursprünglich geplant bis 2028 ein rein elektrisches Modellportfolio anzubieten, setzt der zum Geely-Konzern gehörende Sportwagenbauer künftig auf einen flexiblen Mix. Kurz- bis mittelfristig soll die Flotte zu etwa 60 Prozent aus Hybriden und zu 40 Prozent aus reinen Elektroautos bestehen. Der absolute Star dieser Neuausrichtung ist ein alter Bekannter: Unter dem internen Projektnamen Type 135 entsteht die Neuauflage des legendären Lotus Esprit, dessen letzter V8-Vorgänger im Februar 2004 vom Band lief.
Ab 2028 soll der neue Esprit die Straßen erobern. Statt des anfangs spekulierten reinen E-Antriebs erwartet die Autowelt nun ein hochmoderner Hybrid-Mittelmotor-Bolide, der mit wegweisender Technologie die Brücke in eine neue Epoche schlägt.
Kampf dem Übergewicht: Formel-1-Tricks für die Straße
Ein Hybridantrieb bringt durch die Kombination aus Verbrennungsmotor, E-Maschine und Batterie normalerweise ordentlich Gewicht auf die Waage – eigentlich der Erzfeind der klassischen Lotus-Philosophie von Gründer Colin Chapman („simplify, then add lightness“). Doch Lotus-Chef Feng Qingfeng machte bei einer Telefonkonferenz mit Investoren unmissverständlich klar, dass man für den neuen Esprit keine Kompromisse beim Leistungsgewicht eingehen werde. Das ehrgeizige Entwicklungsziel für den V8-Hybrid liegt bei gerade einmal 1.500 Kilogramm Leergewicht.
Um dieses anspruchsvolle Limit trotz einer komplexen 800-Volt-Architektur und eines schweren Verbrennungsmotors einzuhalten, bedienen sich die Briten cleverer Leichtbau-Kniffe:
- Hocheffiziente Elektro-Komponenten: Lotus will auf hochentwickelte, extrem kompakte Elektromotoren und Leistungselektronik setzen, die ein hervorragendes Leistungs-Gewichts-Verhältnis bieten.
- Kompakte Hybrid-Batterie: Im Gegensatz zu klassischen, schweren Plug-in-Hybriden mit riesigen Akkus soll der Esprit auf ein hocheffizientes, aber volumen- und gewichtssparendes Hybridsystem setzen, das ohne tonnenschwere Akkus auskommt.
- Konsequenter Leichtbau: Das Chassis und große Teile der Karosserie werden aus Kohlefaser-Verbundwerkstoffen (Carbon) gefertigt, um jedes Gramm einzusparen.
Wie anspruchsvoll dieses Konzept ist, verheimlicht der Lotus-Chef nicht:
„Dieses Ziel mit einer 800-Volt-Architektur, einem Hybridsystem, einem V8-Motor und einem Elektromotor im Fahrzeug zu erreichen, ist schlicht nicht einfach.“
Horse liefert die Power: V8- und V6-Optionen geplant
Das Herzstück des neuen Esprit-Topmodells wird ein hocheffizienter V8-Hybrid-Antrieb sein. Dessen Systemleistung soll die magische Grenze von 1.000 PS (735 kW) knacken und das Fahrzeug in die Liga der echten Hypercars katapultieren. Doch Lotus hat noch ein weiteres As im Ärmel: Wie Feng Qingfeng bestätigte, wird es neben dem brachialen V8 auch eine leichtere und erschwinglichere V6-Version geben. Das dürfte vor allem Puristen freuen, denen maximale Agilität wichtiger ist als schiere Längsdynamik.
Als heißer Kandidat für das V6-Modell gilt das neu vorgestellte Aggregat des Motorenbauers „Horse“ – dem globalen Joint-Venture von Geely und Renault. Der 3,0-Liter-Twin-Turbo-V6 namens „W30“ wiegt lediglich 160 Kilogramm und ist damit der leichteste V6-Motor auf dem Markt. Er leistet im Basis-Verbrennungstransport zwischen 350 und 400 kW (476 bis 544 PS) und ist von Haus aus speziell für den Einsatz in Mild- und Vollhybrid-Systemen konzipiert.
Brücke in eine neue Performance-Ära
Der neue Esprit wird im künftigen Lotus-Portfolio eine Schlüsselrolle einnehmen. Er schließt als High-End-Hybrid-Supercar die Lücke zwischen dem noch rein als Verbrenner konzipierten Einstiegs-Sportwagen Emira und dem spektakulären, 2.000 PS starken rein elektrischen Hypercar Evija.
Mit dem geplanten Verkaufsstart im Jahr 2028 setzt Lotus ein klares Zeichen gegen die voreilige, reine Elektro-Diktatur im Sportwagensegment. Indem man emotionale Verbrennungsmotoren mit modernster, gewichtssparender Hybridtechnik kombiniert, beweisen die Briten, dass der wahre Geist von Colin Chapman auch in einer elektrifizierten Zukunft lebendig bleiben kann. Die etablierte Konkurrenz in Maranello und Zuffenhausen dürfte die Entwicklung in Hethel ab sofort mit Argusaugen beobachten.