Der Kurswechsel bei der Traditionsmarke aus Crewe zeigt deutlich, wie stark sich die Realität im obersten Premiumsegment gewandelt hat. Statt einer bedingungslosen Elektrifizierung rückt Bentley den Verbrennungsmotor wieder fest in den Fokus. Solange es die Gesetze weltweit erlauben, sollen alle künftigen Baureihen auch mit reinem Verbrennerantrieb angeboten werden. Ein endgültiges Aus für den Verbrennungsmotor ist bei den Briten derzeit weder vorgesehen noch geplant.
Drastische Korrektur der Elektro-Ziele
Noch vor wenigen Jahren klingen die Pläne ganz anders. Im Jahr 2022 kündigte Bentley im Rahmen seiner ursprünglichen „Beyond100“-Strategie an, bis 2030 fünf reine Elektroautos auf den Markt zu bringen – das ehrgeizige „Five-in-Five“-Versprechen. Ende 2024 wurde dieses Ziel mit der neuen Strategie „Beyond100+“ angesichts der veränderten Marktlage auf das Jahr 2035 gestreckt. Doch im März 2026 zog Bentley die Reißleine: Gleich vier der fünf geplanten E-Modelle wurden vorerst auf Eis gelegt.
Hintergrund für die Vollbremsung sind neben der verhaltenen Nachfrage nach Luxus-Stromern auch strategische Verschiebungen im Volkswagen-Konzern. Die ursprünglich für Bentley vorgesehene „Scalable Systems Platform“ (SSP) wurde aufgeschoben, was die Entwicklung eigener E-Plattformen erschwerte. Bis zum Ende des Jahrzehnts bleibt deshalb nur ein einziges rein batterieelektrisches Modell übrig: Ein kompakteres, knapp fünf Meter langes „Luxury Urban SUV“ namens Torcal, das voraussichtlich 2026/2027 auf den Markt kommt. Erst im darauffolgenden Jahrzehnt soll der nächste Stromer folgen.
Das Aus für den Sechszylinder – V8 bleibt das Heiligtum
Im Zuge der Neuausrichtung räumt CEO Frank-Steffen Walliser auch im Motorenregal auf. Überraschend trifft es dabei den Sechszylinder-Hybrid, der unter anderem zuletzt noch im SUV Bentayga verbaut wurde. In einem Interview im August 2026 stellte Walliser klar, dass der letzte verbliebene Sechszylinder gestrichen wird. Der Grund ist simpel: Die Nachfrage der anspruchsvollen Kundschaft liege dafür praktisch bei null.
Ganz anders sieht es beim prestigeträchtigen Achtzylinder aus, der fest zur DNA der Marke gehört. Walliser bringt die Stimmung der Käufer nüchtern auf den Punkt:
"Niemand kommt in den Laden und fragt ausdrücklich nach einem Hybrid."
Zwar erfreuen sich die neuen „Ultra Performance Hybrid“-Modelle des Continental GT und Flying Spur mit einer Systemleistung von beeindruckenden 782 PS großer Beliebtheit. Doch diese enorme Leistung wird durch ein ausgeklügeltes Zusammenspiel aus dem 4,0-Liter-V8-Biturbo (600 PS) und einem 190 PS starken Elektromotor im Getriebegehäuse erzielt. Reine Verbrenner haben laut Walliser dennoch weiterhin eine große Zukunft bei Bentley. Die Triebwerke werden kontinuierlich weiterentwickelt – als nächster Technologieschritt stehen beispielsweise elektrische Turbolader auf dem Plan, ähnlich wie sie beim aktuellen Porsche 911 zum Einsatz kommen.
Signalwirkung für die gesamte Branche
Der Bentley-Kurswechsel ist kein Einzelfall, sondern spiegelt einen breiten Trend in der gesamten Luxusindustrie wider. Hersteller wie Porsche, Mercedes-Benz oder Aston Martin passen ihre Elektrifizierungspläne derzeit den realen Marktbedingungen an. Im High-End-Segment definieren sich Fahrzeuge über Charakter, Sound und mechanische Emotionen – Eigenschaften, die ein rein elektrischer Antrieb nur schwer eins zu eins ersetzen kann.
Mit dem neuen Credo „Value over Volume“ – Wertigkeit vor Stückzahl – setzt Bentley auf wirtschaftliche Vernunft statt auf das Erreichen starrer Elektro-Quoten. Für Fans des klassischen Motorenbaus ist das eine gute Nachricht: Der legendäre V8-Sound wird uns noch weit bis ins nächste Jahrzehnt begleiten.