Für den weltweit größten und am schnellsten wachsenden Elektroautomarkt ist der knapp fünf Meter lange Crossover ein echter Prüfstein: Steht der Torcal für die gelungene Transformation europäischer Luxuswerte ins Elektrozeitalter – oder offenbart er einen technologischen Rückstand gegenüber hochgerüsteten chinesischen Konkurrenten wie Yangwang oder Nio?

Reichweiten-Skepsis: Zu konservativ für Chinas Tech-Käufer?

Für Chinas etablierte Autoportale zählen bei einem Elektrofahrzeug zuallererst die nackten Fakten. Und genau hier löst der Torcal gemischte Reaktionen aus. Zwar basiert das SUV auf der hochentwickelten Premium Platform Electric (PPE-Plattform) des VW-Konzerns – die er sich mit dem Porsche Cayenne Electric teilt –, doch die Leistungsdaten stoßen im Reich der Mitte teils auf Skepsis.

In einer chinesischen Branchenanalyse wird darauf hingewiesen, dass die WLTP-Reichweite von rund 595 Kilometern, gespeist aus einer 113 Kilowattstunden großen Batterie, in der heutigen Zeit fast wie ein Rückschritt wirken könne. Während europäische Tester die über 600 Kilometer (bei Vollausstattung ermittelt) als absolut alltagstauglich bewerten, sind Chinas Premium-Kunden durch heimische Hersteller Reichweitenwerte weit jenseits der 700 oder gar 800 Kilometer gewöhnt. Auch die maximale Ladeleistung von 400 kW, die den 2,7 Tonnen schweren Koloss in unter 20 Minuten von 10 auf 80 Prozent lädt, sorgt in einem Markt, in dem ultraschnelle Ladeinfrastruktur rasant zum Standard wird, nicht mehr für offene Münder. Die Elektro-Spezifikationen werden daher von einigen chinesischen Journalisten schlicht als "zu konservativ" eingestuft.

Das Interieur-Duell: Handwerkskunst gegen "Bildschirm-Sucht"

Besonders spannend ist der Kontrast bei der Gestaltung des Innenraums. Bentley geht beim Torcal einen bewussten Gegenweg zur asiatischen Konkurrenz: Keine riesigen Bildschirm-Flächen, die das gesamte Armaturenbrett dominieren, und eine klare Absage an einen Beifahrer-Bildschirm. Stattdessen setzt Crewe auf das sogenannte "Curation Engine"-System. Diese auf sensorischer Neurowissenschaft basierende Steuerung verknüpft Licht, Sound, Klima, Luftqualität und digitale Anzeigen, um vier emotionale Zustände zu bedienen: Bentley Mode, Comfort, Sport und den regenerierenden Refresh-Modus.

In China wird diese Philosophie extrem kontrovers diskutiert:

  • Einerseits loben Teile der dortigen Automobilpresse den Fokus auf wahre Qualität. In Zeiten, in denen sich Käufer am technologischen Überfluss sattgesehen haben, gewinne traditionelle Handwerkskunst wie das edle Walnuss-Furnier oder die gemeinsam mit Fox Brothers entwickelte Merinowolle an Wert.
  • Andererseits gilt Konnektivität in China als das Statussymbol schlechthin. Dass der Torcal auf haptische, mechanische Tasten vertraut und digitale Reize im "Comfort Mode" sogar bewusst ausblendet, wirkt auf die junge, technikbegeisterte Elite im Reich der Mitte bisweilen altmodisch. Sie erwarten kein klassisches Auto mit E-Motor, sondern ein rollendes Smartphone.

Bentley-Chef Walliser polarisiert mit Luxus-Definition

Für zusätzliche Brisanz in der chinesischen Presselandschaft sorgt die klare Haltung des Bentley-Vorstandsvorsitzenden Dr. Frank-Steffen Walliser. Angesprochen auf den rasanten Aufstieg chinesischer Marken im Luxussegment, positionierte sich der CEO in einem Interview äußerst selbstbewusst:

"Echter Luxus kommt nur aus dem Zentrum Europas – aus Norditalien, der Schweiz, Frankreich, Süddeutschland oder Großbritannien. Es gibt zwar teure Produkte anderswo, aber das macht sie noch nicht zu Luxusprodukten. Bei Luxus geht es um Erbe, Handwerkskunst und Produktqualität."

In Chinas sozialen Netzwerken und Auto-Foren wird diese Aussage heiß diskutiert. Man wirft Walliser eine gewisse europäische Arroganz vor. Heimische Luxus-Offensiven wie die von BYDs Edelmarke Yangwang zeigen schließlich, dass man in Fernost nicht nur extrem teure, sondern auch technologisch überlegene Fahrzeuge bauen kann.

Fazit: Ein Spagat zwischen Tradition und Moderne

Die chinesischen Autojournalisten sind sich am Ende einig: Fahrwerkstechnisch ist der Bentley Torcal dank "Bentleyfication" – also der britischen Feinabstimmung des Porsche-Fahrwerks mit aktiven Dämpfern ohne klassische Querstabilisatoren – ein absolutes Meisterwerk. Mit rund 850 PS (~634 kW) und einem maximalen Drehmoment von über 1.000 Newtonmetern beschleunigt er im Bereich von rund drei Sekunden auf Tempo 100 (für den Sprint von 0 auf 60 Meilen pro Stunde stellt Bentley einen Wert im unteren Drei-Sekunden-Bereich in Aussicht) und bietet unerreichten Fahrkomfort.

Ob das jedoch reicht, um im hart umkämpften chinesischen Markt zu bestehen, bleibt fraglich. Der Torcal muss den Beweis antreten, dass das jahrzehntelange Erbe und die europäische Handwerkskunst schwerer wiegen als der technologische und digitale Vorsprung der asiatischen Konkurrenz. Für Bentley ist dieses erste Elektro-SUV kein bloßes Modell – es ist die Entscheidung darüber, ob die Marke im wichtigsten Markt der Zukunft eine führende Rolle behält.